Mensch gegen U-Bahn

Ich lebe nun seit knapp 10 Jahren in Wien, der Stadt der liebevollen Grantler. Als Kind vom Land hat das öffentliche Netz mit all den Bussen, Straßen- und U-Bahnen von Beginn an eine Faszination auf mich ausgeübt. Erstens, weil die Intervalle unbegreiflich kurz und regelmäßig waren. Wenn man in ländlichen Gebieten einen Bus verpasst hat man die Wahl zwischen geduldigem Warten (mit etwas Glück regnet es in Strömen, die Haltestelle ist unüberdacht und es ist Sonntag), Abholung von Mama unter minutenlangen Belehrungen wie unverzichtbar Pünktlichkeit ist oder unfreiwilligem Cardiotraining. Zweitens, weil Busfahrer hie und da überrascht aber auch geschmeichelt kaum merklich den Kopf schütteln, wenn sie mit einem vergnügten „Schönen guten Morgen!“ begrüßt werden und drittens, weil ein knappes Verpassen eines der obengenannten Fortbewegungsmittel unverzüglich zu einer peinlichen Berührung führt. Oft bei U-Bahnfahrten beobachtet, immer wieder erheiternd. Für die einen ist der verbale Warnhinweis „Steigen Sie nicht mehr ein“ in Kombination mit dem gellenden Alarmton und wildem Geblinke an den Türen ein klares Signal des Abfahrens. Für die Anderen ist es die Einladung für einen halsbrecherischen Sprung in einen der Wagons. Ebenso an der Tagesordnung sind verzweifelte Versuche, eines seiner Gliedmaßen noch mühevoll zwischen die sich schließenden Türen zu manövrieren, ganz zur Freude der Fahrgäste und des Lenkers. Vielfach wird das artistische Geschick tatsächlich durch ein Aufspringen der Türen, begleitet durch ein genervtes Raunen im Innenbereich des Wagons belohnt. Genauso oft passiert es aber auch, dass man trotz aller Bemühungen und anhaltendem Gedrücke des Einstiegsknopfes vor geschlossener Türe und dutzenden beobachtenden Augenpaaren draußen stehen bleibt. Doch wie mit einer solchen misslungenen Situation umgehen? Meiner langjährigen, vollkommen subjektiven und unrepräsentativen Feldstudie zufolge gibt es genau 4 Typen:

  • Der erboste Fluchende
  • Der flüchtende Gschamige
  • Der weiterdrückende Ungläubige
  • Die coole Sau

Der erboste Fluchende überspielt die Situation mit gezielt ausgewählten Schimpftiraden, hoch erhobenen Fäusten und angespannten Gesichtsmuskeln, klopft im besten Fall noch wild gegen die Scheiben und schickt dem Fahrer ein paar verbale Giftpfeile à la „DU GSCHISSENA!“ hinterher. Er rückt keinen Zentimeter von seinem Standpunkt (weder physisch noch idealistisch) und steigt zerknirscht gefühlte 20 Sekunden später in die nächste Bahn.

Ganz anders zum flüchtenden Gschamigen, der zwar vollen Einsatz zeigt aber dennoch nur rechtzeitig zum Schließen der Türe kommt. Wissentlich, keine Chance mehr auf ein Mitfahren zu haben, den auf sich ruhenden Blicken der Insassen bewusst und sich sichtlich in dieser Situation unwohl fühlend nimmt er zügig Reißaus. Sein Gedanke: Nix wie weg hier, aber unauffällig! Variante 1: sofortiges Umdrehen und Entfernen, als ob man vergessen hätte was man hier eigentlich wollte. Variante 2: stürmisches Weglaufen in die Richtung, aus der man eben gerade gekommen ist.

Mein persönlicher Favorit ist der weiterdrückende Ungläubige, der zwar offensichtlich bereits aus der heiteren Fahrtgemeinschaft ausgeschlossen ist aber dennoch weiterhin unaufhaltsam und fokussiert den Knopf von außen drückt, selbst wenn sich der Wagon bereits langsam in Bewegung gesetzt hat.

Und zu guter Letzt die coole Sau, bei der man das Gefühl bekommt, die wollte gar nicht mitfahren. Lässiger Schritt, nur keine Hektik. Elegant und majestätisch wird beim Vorbeischlendern an der abfahrenden Garnitur kaum merkbar, aber doch fest genug der Einstiegsknopf gedrückt. Keine Regung im Gesicht, wenn sich dabei nichts tut. Einen Versuch wars wert, aber keine Sekunde der Beachtung. Denn – und das gilt für alle vier Typen gleichermaßen – die nächste U-Bahn kommt bestimmt, ganz ohne Stress und eingezwickte Wadeln.

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