Morgenmen-sccchht

Unzählige Male schon hörte ich die leisen, leicht verzweifelten Worte aus den verschlafenen Gesichtern meiner Mitmenschen: „Ich hab’s vergessen, du bist ja Morgenmensch“. Und ich vergesse auch oft, dass es viele Menschen nicht sind – es sei nun der subjektiven Wahrnehmung überlassen, für wen die jeweils andere Spezies morgendlich schwerer zu ertragen ist. Um eines gleich vorweg zu nehmen – ich habe vollstes Verständnis für Nachteulen und Morgenmuffel. Rein kognitiv verstehe ich es uneingeschränkt, aber mit dem Herz ist es schwer nachzuvollziehen. Einerseits die Tatsache, dass es Menschen gibt die regelmäßig länger als 22 Uhr wach bleiben – freiwillig, Wochenende eingeschlossen. Andererseits der Fakt, dass verdunkelnde Rollos existieren, die keinen noch so zarten Sonnenstrahl ins Innere vordringen lassen, um einen behutsam wach zu kitzeln. Dies wird kein Plädoyer für das frühe Aufstehen, sondern eine Liebesklärung an unsere Sinne. Denn immerhin geschehen so viele magische Dinge ganz früh morgens, jahreszeitenunabhängig. Allein der erste Blick aus dem Fenster, wenn gerade die Dämmerung anbricht macht mein Herz ganz warm. Welch ein Privileg es ist, jeden Tag gesund und vergnügt aus dem Bett zu hüpfen (ja, hüpfen), sich frischen Kaffee zu kochen und dabei der Welt langsam beim Erwachen zuzusehen. Es sind die flüchtigen, fast unbemerkten Details, die ich am frühen Aufstehen so liebe. Der Lauf, bei dem die Stadt für einen Augenblick nur dir gehört. Gedankenverloren im Lesestuhl zu versinken, eingewickelt in die Lieblingsdecke. Das noch zaghafte Zwitschern der Vögel. Die ersten Spuren im frischen Schnee. Die Stille. Das Beobachten der Hundebesitzer, die ihre vierbeinigen Fellknäuel zur alltäglichen Morgenrunde ausführen. Das gleichmäßige Rattern der Straßenkehrmaschine. Die ächzenden Rolläden des Feinkostladens am Eck, wenn die morgendliche Lieferung von frischem Obst und Gemüse emsig ins Ladeninnere getragen wird. Es hat etwas Abenteuerliches, über ruhende Plätze und Straßen zu schlendern, die in wenigen Stunden hunderte geschäftige Menschen in ihre Arbeit, auf die Uni, in den Kindergarten oder zum Einkaufen tragen. Man fühlt sich wie der stille Entdecker einer unbekannten Welt und mir zaubern diese Momente ein demütiges Lächeln ins Gesicht. Momente, die nur mir gehören. Zeit für mich, weil alle anderen noch träumen. Und wenn man genau hinhört, dann eröffnet sich einem das leise, wohlige Atmen der schlafenden Stadt. All diese Eindrücke und scheinbar nichtigen Kleinigkeiten möchte mit dir dann teilen – da blinzelst du gerade zum ersten Mal zerknittert aus deiner warmen Burg aus flauschigen Polstern, aber ich bin schon lange Zeit leise wach.

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